{"id":411,"date":"2024-08-08T11:50:45","date_gmt":"2024-08-08T09:50:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.errare-romanum-est.de\/?p=411"},"modified":"2025-03-04T19:24:26","modified_gmt":"2025-03-04T18:24:26","slug":"011-schreibende-frauen-gibt-es-nicht-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.errare-romanum-est.de\/index.php\/011-schreibende-frauen-gibt-es-nicht-teil-2\/","title":{"rendered":"011 &#8211; Schreibende Frauen gibt es nicht, Teil 2"},"content":{"rendered":"\t\t\t<style type=\"text\/css\">#pp-podcast-2375 .ppjs__script-button { display: none; } #pp-podcast-2375 .pod-entry__author { display: none; }<\/style>\n\t\t\t<div id=\"pp-podcast-2375\" class=\"pp-podcast single-episode has-header header-hidden has-featured playerview hide-content squr centercrop\"  data-teaser=\"\" data-elength=\"18\" data-eunit=\"\" data-ppsdata=\"{&quot;ppe-2375-1&quot;:{&quot;title&quot;:&quot;011 &#8211; Schreibende Frauen gibt es nicht, Teil 2&quot;,&quot;description&quot;:&quot;&quot;,&quot;author&quot;:&quot;&quot;,&quot;date&quot;:&quot;&quot;,&quot;link&quot;:&quot;5b383e8669d81005a34e03c9b8cc62fa&quot;,&quot;src&quot;:&quot;5b383e8669d81005a34e03c9b8cc62fa&quot;,&quot;mediatype&quot;:&quot;&quot;,&quot;featured&quot;:&quot;https:\\\/\\\/i0.wp.com\\\/www.errare-romanum-est.de\\\/files\\\/2024\\\/12\\\/BeitragBild.png?fit=604%2C270&#038;ssl=1&quot;,&quot;fset&quot;:&quot;https:\\\/\\\/i0.wp.com\\\/www.errare-romanum-est.de\\\/files\\\/2024\\\/12\\\/BeitragBild.png?w=604&amp;ssl=1 604w, https:\\\/\\\/i0.wp.com\\\/www.errare-romanum-est.de\\\/files\\\/2024\\\/12\\\/BeitragBild.png?resize=300%2C134&amp;ssl=1 300w&quot;},&quot;rdata&quot;:{&quot;from&quot;:&quot;link&quot;,&quot;podcast&quot;:&quot;35ee0e2453908acbdbdaf18a8e2cfcdf&quot;,&quot;episode&quot;:&quot;5b383e8669d81005a34e03c9b8cc62fa&quot;}}\"><div class=\"pp-podcast__wrapper\"><div class=\"pp-podcast__info pod-info\"><div class=\"pod-info__header pod-header\"><div class=\"pod-header__image\"><div class=\"pod-header__image-wrapper\"><img decoding=\"async\" class=\"podcast-cover-image\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.errare-romanum-est.de\/files\/2024\/12\/BeitragBild.png?fit=604%2C270&#038;ssl=1\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.errare-romanum-est.de\/files\/2024\/12\/BeitragBild.png?w=604&amp;ssl=1 604w, https:\/\/i0.wp.com\/www.errare-romanum-est.de\/files\/2024\/12\/BeitragBild.png?resize=300%2C134&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 25vw\" alt=\"\"><\/div><span class=\"pod-header__image-style\" style=\"display: block; width: 100%; padding-top: 44.701986754967%\"><\/div><\/div><\/div><div class=\"pp-podcast__content pod-content\"><div class=\"pp-podcast__single\"><div class=\"pp-podcast__player\"><div class=\"pp-player-episode\"><audio id=\"pp-podcast-2375-player\" preload=\"none\" class=\"pp-podcast-episode\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.errare-romanum-est.de\/feed\/media\/Autorinnen2Auphonic.mp3\" \/><\/audio><\/div><\/div><div class=\"pod-content__episode episode-single\"><button class=\"episode-single__close\" aria-expanded=\"false\" aria-label=\"Close Single Episode\"><span class=\"btn-icon-wrap\"><svg class=\"icon icon-pp-x\" aria-hidden=\"true\" role=\"img\" focusable=\"false\"><use href=\"#icon-pp-x\" xlink:href=\"#icon-pp-x\"><\/use><\/svg><\/span><\/button><div class=\"episode-single__wrapper\"><div class=\"episode-single__header\"><div class=\"episode-single__title\">011 &#8211; Schreibende Frauen gibt es nicht, Teil 2<\/div><\/div><\/div><div class=\"ppjs__img-wrapper \"><div class=\"ppjs__img-btn-cover\"><img decoding=\"async\" class=\"ppjs__img-btn\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.errare-romanum-est.de\/files\/2024\/12\/BeitragBild.png?fit=604%2C270&#038;ssl=1\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.errare-romanum-est.de\/files\/2024\/12\/BeitragBild.png?w=604&amp;ssl=1 604w, https:\/\/i0.wp.com\/www.errare-romanum-est.de\/files\/2024\/12\/BeitragBild.png?resize=300%2C134&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 300px\" alt=\"011 &#8211; Schreibende Frauen gibt es nicht, Teil 2\"><\/div><div><span class=\"ppjs__img-btn-style\" style=\"display: block; width: 100%; padding-top: 100%\"><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"pod-content__launcher pod-launch\"><button class=\"pod-launch__button pod-launch__info pod-button\" aria-expanded=\"false\"><span class=\"ppjs__offscreen\">Show Podcast Information<\/span><span class=\"btn-icon-wrap\"><svg class=\"icon icon-pp-podcast\" aria-hidden=\"true\" role=\"img\" focusable=\"false\"><use href=\"#icon-pp-podcast\" xlink:href=\"#icon-pp-podcast\"><\/use><\/svg><svg class=\"icon icon-pp-x\" aria-hidden=\"true\" role=\"img\" focusable=\"false\"><use href=\"#icon-pp-x\" xlink:href=\"#icon-pp-x\"><\/use><\/svg><\/span><\/button><\/div><\/div><p>\n\n\n<p>Es geht um Stilfragen, Weiblichkeit und Esel. Willkommen zur (bis dato) l\u00e4ngsten Folge von Errare Romanum est.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<\/p>\n<p>Zur Einf\u00fchrung erz\u00e4hlt uns Cara von einem anderen Missverst\u00e4ndnis, mit dem sie konfrontiert war (&#8222;Latein ist wie Mathe&#8220;) und Katharina fasst die wichtigsten Erkenntnisse der <a href=\"https:\/\/www.errare-romanum-est.de\/index.php\/010-schreibende-frauen-gibt-es-nicht-teil-1\/\">letzten Folge<\/a> zusammen, die da w\u00e4ren: 1. Es gibt <strong>wenige (lateinisch) schreibende Frauen<\/strong> im Mittelalter (und in der Antike), ABER es gibt sie. 2. In ottonischer Zeit gab es <strong>mehr als doppelt so viele Frauen- wie M\u00e4nnerkl\u00f6ster<\/strong> im Reich. 3. G\u00f6ttliche Inspiration (und damit verbunden die eigene Demut) legitimiert im Mittelalter zum Schreiben, und darauf Bezug zu nehmen (sowie auf die pers\u00f6nliche schriftstellerische Unf\u00e4higkeit) ist <strong>topisch<\/strong>, also <strong>Konvention<\/strong>, und nicht unbedingt auf Eigenschaften des:der Autor:in zur\u00fcckzuf\u00fchren. Vorsicht! Vor allem, wenn wir Autor:innen nur aus literarischen Werken kennen. <strong>Nicht alles, was nicht Topos ist, kann man als Hinweis auf den:die Autor:in lesen,<\/strong> das ist ja immer noch Teil der literarischen Selbstdarstellung!<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Und jetzt medias in res! <strong>Wurde Hrotsvits Autorschaft jemals angezweifelt?<\/strong><br \/>Ja, mehrfach, zu verschiedenen Zeitpunkten! Zum Beispiel, weil man sich im 19. Jhdt. nicht vorstellen konnte, dass es im 10. Jhdt., also in Hrotsvits Zeit, eine so fundierte Ausbildung f\u00fcr Frauen gab, dass eine Frau Werke wie Hrotsvits schreiben konnte. =&gt; gleichzeitig hohe Sprachkompetenz als Kriterium f\u00fcr Misstrauen &#8211; ZIRKELSCHLUSS. Diese These wurde Ende des 20. Jhdt. nochmal aufgegriffen. Beides wurde jedoch widerlegt. Man w\u00fcrde dem Werk nicht seine Echtheit aberkennen, wenn es von einem Mann geschrieben worden w\u00e4re. (Widerspruch: Einerseits glaubt man der Sprecherfigur im Werk, sie k\u00f6nne nicht gut Latein schreiben, aber andererseits sagt man: &#8222;Das ist literarisch so wohlgeformt, das kann keine Frau geschrieben haben&#8220;&#8230;)<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p><strong>Was ist Ma\u00dfstab f\u00fcr sprachliche Richtigkeit und guten Stil aus Perspektive einer Autorin wie Hrotsvit? Wie passt das Sprachniveau zum Inhalt?<\/strong><\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">In der Klassischen Philologie gibt es die Konvention, zeitliche Perioden mit einem Werturteil zu versehen (&#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Goldene_Latinit%C3%A4t\">Goldene Latinit\u00e4t<\/a>&#8220; und &#8222;Silberne Latinit\u00e4t&#8220; zum Beispiel). Aber: Die damit eingeschlossenen Werke sind ja Ausdruck eines zu dieser Zeit aktuellen Stilideals und damit Teil des Zeitgeists! Au\u00dferdem gibt es ja individuelle Unterschiede im Stil. Es bringt wenig, Seneca mit Cicero oder Lucan mit Vergil zu vergleichen &#8211; ein Schluss, den man daraus ziehen k\u00f6nnte, ist, dass sie <em>anders <\/em>sind, aber nicht besser oder schlechter.<br \/>Man muss differenzieren: Die Stilvorstellungen des Mittelalters sind ganz stark gepr\u00e4gt von patristischer Literatur (= Kirchenv\u00e4ter). In der Antike sagt z.B. Quintilian, dass die Sprache zum Inhalt passen muss (also z.B. Figuren aus der Oberschicht = hoher Stil). =&gt; aptum-Theorie (&#8222;aptum&#8220; hei\u00dft passend) &#8211; Situation im Mittelalter: Viele Leute schreiben \u00fcber g\u00f6ttliche \/ religi\u00f6se Inhalte, aber die Bibel, also DAS Werk zu diesen Themen, ist in sehr einfacher Sprache gehalten! =&gt; Umdeutung der aptum-Theorie: Kein Sprachstil kann aus christlicher Perspektive hoch genug sein, Gott zu illustrieren. Das Passende f\u00fcr g\u00f6ttliche Inhalte ist demnach sehr niedriger Stil, in Analogie zur Bibel, zumal er auch die dem\u00fctige Haltung des:der Autor:in wiederspiegelt (vgl. <em>humilitas-<\/em>Topik aus der letzten Folge).<br \/>Man muss aber wieder differenzieren zwischen dem, was Texte zu tun vorgeben und dem, was sie tats\u00e4chlich tun. Vielleicht bedient ein:e Autor:in die <em>humilitas-<\/em>Topik rein formal und betont die eigene Inkompetenz, greift stilistisch aber gleichzeitig in die Vollen. Das zeigt mal wieder die Macht des Topos (und dass man nicht alles w\u00f6rtlich nehmen darf, was man so liest). Kriterien f\u00fcr als &#8222;gut&#8220; empfundene Werke im Mittelalter k\u00f6nnen zum Beispiel Rezeptionsspuren und weitere \u00dcberlieferungstr\u00e4ger.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Aber er<\/em> (Christus),<em> der einst einem dummen Esel befahl, zum Lob seines eigenen Namens das Wort zu ergreifen<\/em> [&#8230;]<em>, der besitzt, so es ihm beliebt, auch die Macht, meine Zunge zu l\u00f6sen, mein Herz mit dem Tau seiner Gnade zu benetzen, damit ich, da er mir sein mildes Erbarmen schenkt, holde Dichtung verfasse, und auch dich, Jungfrau, besinge.<\/em><br \/>I Maria 31\u201344<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">Die Sache mit dem Esel ist eine Anspielung auf eine Bibelstelle und &#8211; wieder &#8211; auf g\u00f6ttlich inspiriertes Sprechen. Damit ist die m\u00f6gliche &#8222;Dummheit&#8220; der Autorin total irrelevant: Relevant ist nur die Inspiration. Gerade dann zeigt sich die Gr\u00f6\u00dfe Gottes, wenn die Dummen zum Sprechen gebracht werden, und gerade die erw\u00e4hlt Gott (vgl. z.B. Bergpredigt). =&gt; Alles, was menschlich ist (Status, F\u00e4higkeiten, Mittel), ist f\u00fcr die Legitimation christlicher Autorschaft unbedeutsam. Im Gegenteil, es ist ein Vorteil, gesellschaftlich schwach zu sein, weil Gott gerade die Schw\u00e4chsten zu den St\u00e4rksten macht. Es ergibt also f\u00fcr christliche Autoren im Mittelalter Sinn, sich schwach zu gerieren, weil gerade das Potential f\u00fcr g\u00f6ttliche Inspiration bietet. =&gt; Hrotsvit nutzt die <em>Paratexte,<\/em> um sich als besonders schwach zu zeichnen, auch als weibliches Wesen (Misogynie!). Aber umso mehr zeige sich Gott in ihr. &#8211; Schw\u00e4che und St\u00e4rke, &#8222;je-desto-Narrativ&#8220;.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Wie wird Weiblichkeit bei Hrotsvit literarisch dargestellt?<\/strong><\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">In den Paratexten wird also Hrotsvits eigene Weiblichkeit genutzt, um sich als besonders schwach (<em>fragilis<\/em>) darzustellen und gleichzeitig Lob zu ernten.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Der Spender meines Talents <\/em>(= Gott)<em> m\u00f6ge umso mehr und zu Recht in mir gelobt werden, je tr\u00e4ger der weibliche Verstand <strong>gilt<\/strong>.<\/em><br \/>II Epist 9<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">Man beachte das &#8222;gilt&#8220; (<em>creditur<\/em>)! Die weibliche <em>fragilitas <\/em>wird nie als Faktum dargestellt!<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Auf Figurenebene wird ebenfalls von einer Unterlegenheit des weiblichen Geschlechts ausgegangen, was aber auch nie von den Frauenfiguren selbst behauptet, sondern immer von au\u00dfen an diese herangetragen wird.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Der Sieg der Triumphierenden erweist sich als umso glorreicher, besonders, wenn die weibliche Zerbrechlichkeit siegt und die m\u00e4nnliche St\u00e4rke der Verwirrung unterliegt.<\/em><br \/>II Praef 5<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">=&gt; &#8222;Gerade weil die Frauenfiguren schwach sind, zeigt sich Gott in diesen Figuren umso st\u00e4rker und diese Frauen werden letztlich durch Gottes Hilfe siegen&#8220;.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen ist die Schw\u00e4che also eine Bef\u00e4higung, von Gott als Instrument erw\u00e4hlt zu werden und g\u00f6ttliches Wirken zu manifestieren. G\u00f6ttliche St\u00e4rke, weibliche Schw\u00e4che als Nexus \/ Wechselwirkung zwischen Selbstdarstellung in den Paratexten und den Figuren im Werk. Weiblichkeit nicht als Nachteil, sondern als Vorteil!<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p><strong>Welche Konzepte von Weiblichkeit gibt es in Hrotsvits Werk und welche Bedeutung haben sie f\u00fcr die au\u00dferliterarische Dimension?<\/strong><\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Zwei Formen von Weiblichkeit: a) &#8222;weltlicher Entwurf&#8220;: allgemeine Vorstellung weiblicher Unterlegenheit und generell Misogynie in Nachfolge Evas, b) &#8222;geistlicher Entwurf&#8220;: <em>virginitas<\/em> (&#8222;Jungfrauentum&#8220;) in Nachfolge Marias, in denen sich Gott zeigt und die am Ende immer siegen. Beide sind gleicherma\u00dfen pr\u00e4sent. In den Paratexten stellt sich Hrotsvit als Kanonissin vor, positioniert sich also innerhalb einer Umgebung, die dem gleichen Ideal folgt wie die positiv besetzten Frauenfiguren in ihrem Werk!<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Der einzige Sohn des Hochthronenden, gezeugt vor der Erschaffung der Welt, der voll Erbarmen f\u00fcr den Menschen von der Hochburg seines Vaters hinabstieg und von der Jungfrau geboren wahrhaftig die Gestalt des Fleisches annahm, um die bittere Kostprobe, die die erste Jungfrau tat, zunichte zu machen, \u2013 er segne die Speisen auf dem Tisch, der gn\u00e4dig f\u00fcr uns gedeckt ist.<\/em><br \/>I App: <em>Benedictio ad mensam<\/em> 1\u20135<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">Im Akt der Geburt Christi wurde die S\u00fcnde der ersten Jungfrau, Eva, zunichte gemacht, durch die zweite Jungfrau, Maria. Gegen\u00fcberstellung zweier Formen von Weiblichkeit. Im Kontext des Gandersheimer <em>Frauen<\/em>konvents, in dem dieses Tischgebet wom\u00f6glich verlesen wurde, folgen ja alle Zuh\u00f6rerinnen (prim\u00e4re Adressatinnen) diesem Ideal der Jungfr\u00e4ulichkeit Marias! Das innertextliche Ideal legitimiert die Lebensform der Rezipientinnen, die dieses Ideal realisieren.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">Diese <em>virgines <\/em>treten im Text auch in himmlischen Scharen auf (<em>turmae virgineae<\/em>); in die werden Frauen zur Belohnung nach dem Tod aufgenommen, die um ihre Jungfr\u00e4ulichkeit k\u00e4mpfen. Schauen wir nochmal auf die Stelle mit dem Esel:<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Aber er, der einst einem dummen Esel befahl, zum Lob seines heiligen Namens das Wort zu ergreifen, und der bewirkte, dass du, Jungfrau, durch das Wort des Engels aus dem Heiligen Geist in W\u00fcrde die Leibesfrucht empfingst, [\u2026] genau der besitzt, so es ihm beliebt, auch die Macht, meine Zunge zu l\u00f6sen und mein Herz mit dem Tau seiner Gnade zu benetzen, damit ich, da er mir sein mildes Erbarmen schenkt, holde Dichtung f\u00fcr ihn verfasse und auch dich, Jungfrau, besinge, auf dass ich nicht in einer Reihe mit den undankbaren Tr\u00e4gen zu Recht verurteilt werde, die es verdrie\u00dft, f\u00fcr den Hochthronenden in rhythmischen Liedern zu singen, sondern mich lieber darum verdient mache, eingereiht in die jungfr\u00e4ulichen Scharen auf ewig das purpurne Lamm zu preisen.<\/em><br \/>I Mar 31\u201344<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Hrotsvit als Jungfrau aus dem Gandersheimer Konvent will, als Instrument Gottes, mit ihrer Dichtung um ihre Jungfr\u00e4ulichkeit k\u00e4mpfen, wie ihre Figuren, und in die jungfr\u00e4ulichen Scharen aufgenommen werden, wie ihre Figuren! =&gt; die jungfr\u00e4ulichen Scharen verbinden gewisserma\u00dfen die Figuren mit der Autorinneninstanz in den Paratexten.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p><strong>Inwiefern sind Hrotsvit und das Vorbild <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Terenz\">Terenz<\/a> im Hinblick auf das Frauenbild miteinander vergleichbar?<\/strong><\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Terenz (Schulautor im Mittelalter!): &#8222;Sex and crime&#8220; &#8211; Prostituierte und Zuh\u00e4lter, Seer\u00e4uber, junge Verliebte, Ehebruch, Vergewaltigung, ungewollte Schwangerschaft und co. Und Hrotsvit als christliche Autorin und Jungfrau in Mariennachfolge behauptet in ihren Texten, sie wolle Kom\u00f6dien schreiben wie Terenz. Das irritiert erst einmal. Das Personal wird ausgetauscht durch christliche Held:innen und die gesamte Handlung der Kom\u00f6die dient dem Lob Gottes. Bei Terenz sind die Frauen in erster Linie l\u00fcstern und auf materiellen Reichtum fixiert, sehr weltlich alles, bei Hrotsvit gibt es dieses geistige Ideal der Jungfr\u00e4ulichkeit. Und Hrotsvit stellt einer nicht-christlichen Gattung (Kom\u00f6die) mit nicht-christlichem Umfeld (Stichwort sex and crime) ihr christlich-jungfr\u00e4uliches Lebensideal innerhalb ihrer Dichtung gegen\u00fcber und \u00fcberbietet so &#8211; auf <em>inhaltlicher<\/em> Ebene, nicht auf sprachlicher &#8211; das Vorbild Terenz. Wie ihre Figuren in ihrer Dichtung k\u00e4mpft Hrotsvit also literarisch gegen einen paganen Gegner. Dichtung mit und durch Gott quasi.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Weshalb ich, die Kr\u00e4ftige Stimme Gandersheims, nicht ausschlug, jenen<\/em> [= Terenz; C.\u00a0S.]<em> in Sprache und Stil nachzuahmen, w\u00e4hrend andere ihn ehren, indem sie ihn lesen, damit in der gleichen Darstellungsform, in der die sch\u00e4ndliche Unzucht frivoler Weiber vorgetragen wurde, die l\u00f6bliche Keuschheit heiliger Jungfrauen \u2013 sofern es mein geringes Talent und meine F\u00e4higkeiten zulassen \u2013 gepriesen wird.<\/em><br \/>II Praef 3<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p class=\"has-text-align-left\">=&gt; Der (christliche) Sieg wird zur\u00fcckgef\u00fchrt auf die Weiblichkeit!<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p><strong>Wo ist jetzt die reale Hrotsvit, wo die Figuren und wo die Autorinneninstanz?<\/strong><\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Man kann nicht die reale Hrotsvit mit der Autorinneninstanz gleichsetzen. WICHTIG. Die Autorinneninstanz als schreibendes Ich in den Paratexten erzeugt aber an mehreren Stellen Parallelen zwischen den auftretenden Figuren in ihrem Werk und dem realen Entstehungskontext des Werks (Gandersheimer Konvent) bzw. sich selbst: im Hinblick auf Jungfr\u00e4ulichkeit, Weiblichkeit, g\u00f6ttliche Inspiration, Schw\u00e4che. Das dient auch der Rechtfertigung der Autorinnent\u00e4tigkeit Hrotsvits! Die reale Hrotsvit steht also irgendwo auf der Grenze zwischen literarischer Figur und Autorinneninstanz.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Literaturangaben<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Bodarw\u00e9, K., 2013: Hrotsvit and Her Avatars. In: Brill\u2019s Companion to Hrotsvit of Gandersheim (fl. 960). Contextual and Interpretive Approaches, hrsg. v. P. R. Brown und S. L. Wailes. Leiden\/Boston, S. 329\u2013362.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Cescutti, E., 1998: Hrotsvit und die M\u00e4nner. Konstruktionen von \u201aM\u00e4nnlichkeit\u2018 und \u201aWeiblichkeit\u2018 in der lateinischen Literatur im Umfeld der Ottonen. Eine Fallstudie. Forschungen zur Geschichte der \u00e4lteren deutschen Literatur 23. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Leyser, K.\u00a0J., 1984: Herrschaft und Konflikt. K\u00f6nig und Adel im ottonischen Sachsen. G\u00f6ttingen.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<\/p>\n<p>Spanily, C., 2002: Autorschaft und Geschlechterrolle. M\u00f6glichkeiten weiblichen Literatentums im Mittelalter. Frankfurt am Main\/Berlin\/Bern\/Br\u00fcssel.<\/p>\n<p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht um Stilfragen, Weiblichkeit und Esel. 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