002 – Mit Latein kann man kein Geld verdienen

In dieser Episode stellen wir euch Giovanni Pascoli vor, der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert regelmäßig 250g schwere Goldmedaillen für seine lateinische Dichtung gewann. Da soll noch einmal jemand sagen, mit Latein könne man kein Geld verdienen!

Giovanni Pascoli (geb. in S. Mauro di Romagna am 31.12.1855, gest. in Bologna am 6.4.1912)

  • Zeit seines Lebens an verschiedenen Schulen und Universitäten tätig
  • Universitätsabschluss im Jahr 1882
  • Tätigkeit als Gymnasiallehrer in verschiedenen italienischen Städten
  • Tätigkeit als Universitätslehrer in Messina und Pisa
  • ab 1905: Professor für italienische Literatur an der Universität Bologna (Nachfolger seines ehemaligen Lehrers Giosuè Carducci)

Heute ist vor allem Pascolis italienisches Werk bekannt, das wegweisend für die moderne italienische Lyrik und Sprache war, indem er unter anderem Wörter aus italienischen Dialekten erstmals in lyrischen Texten verwendete. In seiner Lyrik behandelte Pascoli vor allem patriotische und historische Themen und wurde dafür einem internationalen Publikum bekannt. Wichtigstes Werk: Gedichtsammlung „Myricae“ (nach einem Vergilvers: […] arbusta iuvant humilesque myricae, Verg. ecl. 4,2).

Das von Jakob Hendrik Hoeufft gestiftete Certamen Hoeufftianum, der im letzten Jahrhundert wichtigste internationale Wettbewerb für neulateinische Poesie, bestand von 1844 bis 1978 und wurde von der Niederländischen Akademie der Wissenschaften gefördert. In einem regulären Jahr reichten zwischen 20 und 50 Dichter ihre Kompositionen ein, unter anderem mehrfach auch Giovanni Pascoli.

Bei diesem Certamen Hoeufftianum gab es zwei Preise zu gewinnen:

  • Hauptgewinn: umfasste einen nummus aureus, d. h. eine 250 Gramm schwere Goldmedaille, und Veröffentlichung des Werkes auf Kosten der Niederländischen Akademie der Wissenschaften; von Pascoli 13-mal gewonnen
  • magna laus („großes Lob“): war eine eher „immaterielle Ehrung“ als Zeichen der Aufnahme auf das poetische Siegertreppchen, da die mit magna laus ausgezeichneten Werke ebenfalls auf Kosten der Akademie veröffentlicht wurden, sofern ihre Verfasser zustimmten und sich zu ihrem Werk namentlich bekennen wollten; mehrfach an Pascoli vergeben

Thematisch umfassen die siegreichen Einsendungen ein ziemlich breites Spektrum. Besonders kurios fanden wir ein Gedicht über die Raumfahrt: Ad astronautas Americanos

Lateinische Dichtung: 30 längere und über 70 kleinere Gedichte mit insg. über 7000 Versen

Italienische Dichtung: z.B. La mia sera aus Canti di Castelvecchio von 1903
gesamter Text (italienisch), vorlesen lassen, deutsche Übersetzung
Besonders beachtenswert: die letzte Strophe

Don… Don… E mi dicono, Dormi!
 mi cantano, Dormi! sussurrano,
 Dormi! bisbigliano, Dormi!
 là, voci di tenebra azzurra…
 Mi sembrano canti di culla,
 che fanno ch’io torni com’era…
 sentivo mia madre… poi nulla…
 sul far della sera.

Der Glockenschlag wird klanglich in doppelter Weise nachgeahmt: Einmal das Geräusch selbst (Don… Don…), andererseits aber auch der Rhythmus: Zwischen dem wiederholten „Dormi!“ folgen jeweils vier Silben. So geht pascolianische Lautmalerei!

Für Interessierte zum Weiterhören: La cavalla storna aus aus Canti di Castelvecchio von 1903
gesamter Text (italienisch), vorlesen lassen, deutsche Übersetzung („Die graue Stute“)
Vermutlich wird in diesem Gedicht der Tod von Pascolis Vater verarbeitet.

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